Sonntagsandacht: PHANTASIE DER LIEBE von Pastor Hans-Jürgen Hoeppke

Willkommen zur Sonntagsandacht.

Zum Lesen der Andacht:

Psalmgebet (kann auch im Wechsel gebetet werden):
Psalm 18,2-7.17.19b.20.47.50
bzw. Evangelisches Gesangbuch eg 707

2 Herzlich lieb habe ich dich, HERR, meine Stärke!
3 HERR, mein Fels, meine Burg, mein Erretter; mein Gott, mein Hort, auf den ich traue, mein Schild und Horn meines Heils und mein Schutz!
4 Ich rufe an den HERRN, den Hochgelobten, so werde ich vor meinen Feinden errettet.
5 Es umfingen mich des Todes Bande, und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.

6 Des Totenreichs Bande umfingen mich, und des Todes Stricke überwältigten mich.
7 Als mir angst war, rief ich den HERRN an und schrie zu meinem Gott. Da erhörte er meine Stimme von seinem Tempel, und mein Schreien kam vor ihn zu seinen Ohren.
17 Er streckte seine Hand aus von der Höhe und fasste mich und zog mich aus großen Wassern.
19 Der HERR ward meine Zuversicht.
20 Er führte mich hinaus ins Weite, er riss mich heraus; denn er hatte Lust zu mir.
47 Der HERR lebt! Gelobt sei mein Fels! Der Gott meines Heils sei hoch erhoben.
50 Darum will ich dir danken, HERR, unter den Völkern und deinem Namen lobsingen.
AMEN.

Bibeltext: Philipperbrief, Kapitel 2,1-11:
1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit, 2 so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid. 3 Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst, 4 und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.
5 Seid so unter euch gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: 6 Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, 7 sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. 8 Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. 9 Darum hat ihn auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, 10 dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, 11 und alle Zungen bekennen sollen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters. (Paulus im Philipperbrief an die Gemeinde in Philippi, Kapitel 2,1-11)
 

Andacht:
PHANTASIE DER LIEBE

Es war einmal ein hoher Beamter bei seinem König in Ungnade gefallen. Der Herrscher ließ den Beamten zur Strafe im obersten Stock eines hohen Turmes einkerkern. In einer mondhellen Nacht schaute der Gefangene sehnsüchtig aus seinem Gefängnis hinab in den Hof. Dort unten in der schwindelnden Tiefe entdeckte er seine Frau. Sie machte ihm ein Zeichen und berührte die Mauer des Turmes. Voller Erwartung blickte der Mann herunter, gespannt, was seine Frau vorhabe. Ihre leisen Rufe konnte er nicht verstehen.

Doch sie hatte einen Plan. An einem Käfer, dessen Fühler sie mit Honig bestrichen hatte, befestigte sie einen winzigen Seidenfaden. Dann setzte sie das Tier - mit den Fühlern nach oben - an die Turmmauer, gerade unterhalb der Stelle des Turmes, wo sie hoch oben ihren Mann hinter den Gittern sah. Der Käfer krabbelte langsam - immer dem Honig folgend - höher hinauf, bis er schließlich bei dem Gefangenen ankam. Der sah den dünnen Seidenfaden, löste ihn vorsichtig vom Insekt und zog ihn langsam nach oben.

Am seidenen Faden hing schließlich ein Zwirnsfaden, am Zwirnsfaden dann eine dicke Schnur, an der Schnur letztendlich ein kräftiges Seil. Er befestigte das Seil an einer der Turmzinnen, zwängte sich durch das Fenstergitter hinaus und ließ sich am Seil hinab. Er war frei. Glücklich schloss er seine Frau in die Arme, und leise verschwanden sie in der Nacht. (Nach einem indischen Märchen. aus: A. Kühner, Überlebensgeschichten für jeden Tag, Wuppertal 1996)

Der Mann schaut hinunter. Scheinbar passiert nichts. Ein Insekt krabbelt. Hilfe kann das ja nicht sein. Und doch: Manchmal hängt das Leben an einem seidenen Faden. Aber die Phantasie der Liebe kann daraus ein dickes Seil der Erlösung und Befreiung machen.

Der Mann schaut hinunter. Er schaut in seine eigenen Abgründe. In die Abgründe seiner Gefangenenschaft und Unfreiheit, seiner Lebensumstände, seiner Ausweglosigkeit, seiner Verurteilung, seiner Verzweiflung und Einsamkeit.

Der Mann schaut hinunter. Er sieht in einen dunklen Abgrund, hinunter auf den dunklen Hof. Um ihn und in ihm sind die Dunkelheiten seiner eigenen Abgründe. Beim Blick aus dem Turm liegt der Abgrund der Aussichtslosigkeit vor ihm. Wie wird es weitergehen?

Doch mitten im Dunkel sieht der Mann ein helles Kleid. Er sieht seine Frau. Plötzlich wird der Abgrund zum hohen Sternenhimmel der Hoffnung. Wie ein entfernter Stern aufstrahlt über uns aufstrahlt, so beginnt es nun im Herzen des Mannes zu leuchten. Er weiß: Ich bin nicht allein. Meine Frau ist da. Sie tut alles, um mir zu helfen. Und so werden die Abgründe des Mannes zu Baugründen der Hoffnung. Aus einem leichten und dünnen seidenen Faden gesponnen aus Ungewissheit und zagender Hoffnung wird ein starkes und tragendes Seil für die Zukunft.

Die große, kleine, starke Frau und Retterin der Elenden in Kalkutta, Mutter Teresa, sagte einmal: "Ich sehe so viele Menschen auf den Straßen. Unerwünschte, ungeliebte, unversorgte Menschen, Leute, die nach Liebe hungern. Sie sind Jesus. Wo seid ihr? 'Mich dürstet', sagte Jesus am Kreuz. Er sprach nicht nur vom Durst nach Wasser, sondern nach Liebe. Er, der Schöpfer des Alls, bat um die Liebe seiner Geschöpfe. Er dürstet nach unserer Liebe. Hallen die Worte 'Mich dürstet' in unseren Seelen wider? Geld ist nur brauchbar, wenn es dazu dient, die Liebe Christi zu verbreiten. Es kann dazu dienen, den hungrigen Christus zu speisen. Er hungert jedoch nicht nur nach Brot, sondern nach Liebe, nach eurer Nähe, nach menschlicher Begegnung mit euch. Um dem obdachlosen Christus ein Zuhause zu geben, müssen wir zunächst unsere Wohnungen zu Orten voll Frieden, Glück und Liebe machen, durch unsere Liebe zu jedem Familienmitglied und unseren Nachbarn. Wenn wir gelernt haben, mit einer Liebe zu lieben, die weh tut, werden unsere Augen aufgehen, und wir werden fähig sein, solche Liebe zu schenken. Seien wir deshalb im Herzen voll Liebe, voll Freude und voll Frieden. Strahlen wir diese Liebe, diese Freude und diesen Frieden aus, indem wir Christus immer ähnlicher werden."
(Mutter Teresa)

Paulus schreibt an die Gemeinde in Ephesus einen bemerkenswerten Satz: "Wandelt in der Liebe, gleichwie Christus euch hat geliebt!" (Epheser 5,2) Eine Ermahnung, die heute noch gilt. Offensichtlich fehlte es an Liebe und guter Behandlung in der Gemeinde in Ephesus.
Paulus schreibt an die Gemeinde in der griechischen Stadt Philippi: "Ein jeder sei gesinnt, wie Jesus Christus auch war!" (Philipper 2,5) Eine Ermahnung, die offensichtlich auch nötig war.

Vielleicht mag uns heute eine Frage durch den Sonntag begleiten. Sie lautet: Glaube, denke, rede und handele ich wirklich in der Liebe, die Christus vorgelebt hat?
AMEN.

Vater unser, der Du… AMEN.

Ich wünsche allen einen ruhigen, gesegneten und fragenden Sonntag und eine sich daran anschließende gesunde und antwortreiche Woche,
Ihr/Euer Hans-Jürgen Hoeppke

Wie immer: Falls Sie/Ihr ein Gespräch mit Pastor Hoeppke sucht, sendet einfach eine E-mail an die bekannten Kontaktdaten:
pastorhansjuergen@gmail.com