„Du hast die Wahl...“ von Pastor Hans-Jürgen Hoeppke

Heute gibt es keine Videobotschaft.
Pastor Hoeppke ist bis zum 21. Juni im Urlaub.

(Psalmgebet, Bibeltext und Hinweise siehe ganz unten).
Vor seinem Urlaub hat Pastor Hoeppke eine Andacht anlässlich der heutigen Präsidentschaftswahlen in Peru verfasst.

Hier ist sie:
Thema: DU HAST DIE WAHL…

In den letzten Wochen habe ich mit vielen Gemeindegliedern gesprochen. Zwei Themen beherrschten die Gespräche und die Stimmung: Corona und die Präsidentschaftwahl in Peru.

Heute ist Wahltag. Zur Stichwahl stehen Pedro Castillo und Keiko Fujimori. Beide Kandidaten könnten inhaltlich nicht unterschiedlicher sein. Pedro Castillo steht für die extreme Linke und Keiko Fujimori für die Rechte. In der ersten Runde der Wahlen haben die Peruaner mehrheitlich andere Kandidaten gewählt. Weder Castillo noch Fujimori konnten im ersten Wahlgang einen überzeugenden Stimmenanteil gewinnen. Dennoch hatten sie die relativ meisten Stimmen.

Heute nun müssen die Peruaner zwischen diesen beiden Kandidaten wählen.

In meine Gesprächen mit Gemeindegliedern und Freunden drängte sich über die immer noch allgegenwärtige Bedrohung durch die Pandemie wie eine immer größer werdende Wolke die pure Angst vor der Zukunft.

Was soll werden, wenn Castillo gewinnt? Was würde sich überhaupt zum Besseren verändern, wenn es Keiko Fujimori schafft? Vielen erscheint dieser Wahlsonntag gleichsam wie eine Wahl zwischen „Pest und Cholera“.

In Peru herrscht Wahlpflicht. So überlegen manche, die Strafgebühr für Nichtwählen zu zahlen, weil ihnen kein Kandidat als wirklich wählbar erscheint.

Sollte Castillo gewählt werden, befürchten einige, dass er trotz aller Beschwichtigungen der letzten Wochen, sozialistische Verhältnisse und Enteignungen wie in den 70er Jahren unter dem damaligen Linksregime von Juan Velasco Alvarado (1968-1975) durchsetzt, sich aber zumindest stark an Venezuela, Kuba und Bolivien orientieren dürfte.

Andere sehen im Team von Keiko Fujimori nur eine schlechte Neuauflage der Präsidentschaft ihres Vaters Alberto Fujimori, der von 1990 bis 2000 mit diktatorischen Vollmachten regierte.
Wieder andere sagten mir, dass sie sogar an ein Verlassen des Landes aufgrund der drohenden Instabilität dächten.

Peru erscheint mir tief gespalten. Diese Spaltung ist nicht neu. Sie hat viele historisch bedingte Ursachen und Wurzeln. Die Wurzeln reichen tief zurück bis in die Zeit des spanischen Kolonialismus. Bis heute treiben die daraus erwachsenden bitteren Früchte von Ausgrenzung und Rassismus die Spaltung auf allen Seiten voran.

Gibt es in dieser so problematischen und vielschichtigen Situation überhaupt Auswege? Wählbare Auswege? Gibt es Politiker, die wirklich dem Land und den Menschen dienen und sich eben nicht durch Ämter und Machtmissbrauch die Taschen füllen wollen? Gibt es eine gute Zukunft? Und wenn ja, was wäre die Grundlage dafür?

Wenn Ihr das Folgende lest, werden einige vielleicht sagen: So kann nur ein Pastor schreiben. Doch vielleicht sind die folgenden Gedanken ja nicht so ganz abwegig.

Als die Mütter und Väter der Bundesrepublik Deutschland 1949 das Grundgesetz erarbeiteten, lag eine vielschichtige und problematische Vergangenheit hinter ihnen. 100 Jahre zuvor, 1848, war die erste breite deutsche Demokratiebewegung gescheitert. 1949 war das 1918 untergegangene Kaiserreich noch in manchen politischen Köpfen und Herzen lebendig. Die Weimarer Republik mit ihrer enormen Leistung der ersten nachmonarchistischen Verfassung von 1919, war dennoch durch so vielen Irrungen und Wirrungen geprägt, dass sie vielen als Schreckgespenst von Demokratie schlechthin galt. Dann hatte die Hitlerdiktatur den Weltenbrand herbei geführt und nicht nur Deutschland in Schutt und Asche gelegt. Worauf also sollte sich ein neues Deutschland da gründen?

Nicht umsonst begann das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland mit den bis heute verfassungsmäßig garantierten Individual- und Menschenrechten:
„Die Würde des Menschen ist unanstastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verplichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Artikel 1, Grundgesetz der Bundesrepublik Deuschland).
Ausdruck dieser Menschenwürde ist z.B. die ebenfalls grundrechtlich garantierte Religionsfreiheit.

Doch allen Grundrechten ist ein kleiner Satz vorangestellt: die Präambel des Grundgesetzes. Sie lautet:
„Im Bewusstsein seiner Verantwortung vor Gott und den Menschen…“

Ob das Grundgesetz heute noch mit diesen Worten beginnen würde: „Verantwortung vor Gott“? Die Verantwortung „vor den Menschen“ ist schon groß und schwer genug. Aber die „Verantwortung vor Gott“ ...? Angesichts der Tatsache, das eine zunehmende Anzahl von Deutschen sich heute für konfessionslos erklärt, ist das nur noch schwer vorstellbar.

Dennoch gilt die Präambel. Ich finde diese Worte immer noch genial: „Verantwortung vor Gott“.

Sie sagt nicht anders als dies: Gott zuerst und zuletzt Rede und Antwort stehen zu müssen. Das fordert nicht weniger als Auskunftsfähigkeit und Auskunftswilligkeit. Beides als Grundlage für jedes staatliche Tun für die Menschen und um der Menschen willen. Es geht um das Einrechnen einer höheren Instanz, höher noch als Legislative, Exekutive und Jurisdiktion. Dieses Rechnen mit einer ewigkeitlichen Verantwortung hat die Mütter und Väter des Grundgesetzes bewegt, die heutige Verfassung 1949 eben mit jenen Worten
zu beginnen.

In der Bibel gibt es eine für mich erstaunliche Parallele. Eine Parallele, die wir heute am Wahltag in Peru für Peru sehen konnten.

Moses hatte das Volk Gottes aus Ägypten geführt. Entbehrungsreiche Zeiten waren damit verbunden gewesen: Wüstenwanderung, Suche und Ziel. Moses selbst sollte das „gelobte Land“ Kanaan, das ungefähre Territorium des heutigen Israel, nicht mehr sehen (5. Mose 34,1-5). Sein Dienst war getan; sein Lohn war sein Dienst.

Nun führte Josua, der Nachfolger von Mose, das Volk Israel hinein in das Gebiet von Kanaan. Nach der sog. „Landnahme“ lud Josua zu einem Großereignis ein.

Es war so etwas wie ein Tag des Grundgesetzes und gleichzeitig ein Wahltag. Würden Parteien heute dazu einladen, geschähe das vielleicht mit diesem Slogan:
„Du hast die Wahl!"

Josua lud das Volk Israel nach Sichem ein. Dort ereignete sich, was wir mit der Bibel als den „Landtag von Sichem“ bezeichnen. (Text: Josua 24,1-28).
Was tut Josua? Er zählt in einem geschichtlichen Abriss all das Gute auf, dass Gott seinem Volk getan hat. Dann fordert er das Volk zu einer Entscheidung auf: Entscheidet Euch für Gott oder für die heidnischen Götzen.

Josua wusste, dass nicht alle Israeliten Gott wirklich vertrauten. Viele hatten die Hausgötzen der einheimischen Stämme, sozusagen zur Sicherheit, auch noch in ihrem Glauben untergebracht.

Doch nun besteht Josua mit der Aufforderung zur Entscheidung für oder gegen Gott auf dem ersten Gebot: „Ich bin der Herr, dein Gott, spricht der Herr. Du sollst keine anderen Götter haben außer mir.“ (2. Mose 20,2-3)

Dann schließt Josua seine Worte mit diesem Satz:
15 Gefällt es euch aber nicht, dem HERRN zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen. – Josua 24,25

Ich aber und mein Haus wollen dem Herrn dienen. Was für eine Aussage! Glasklar, schlicht und wegweisend. Damit sagt Josua nichts anderes als: Ich habe gewählt und Ihr habt die Wahl!

Das Spannende und Hochaktuelle hierbei ist dies: Deine persönliche Entscheidung zählt. Egal, ob bei der Entscheidung für oder gegen Gott, für oder gegen einen Beruf, für oder gegen Familie, für oder gegen einen Partner, oder eben bei einer Präsidentenwahl wie heute.

Sehr früh in der Geschichte wird hier das persönliche Gewissen hervorgehoben. Unser Gewissen ist nicht freischwebend. Es ist gebunden an Gott oder an andere Werte. Josua bindet sein Gewissen an Gott. Das hat Folgen: Seine Lebensentscheidungen orientieren sich fortan an Gott und Gottes Geboten.

So gesehen sagt die Präambel des Grundgesetzes etwas ganz Ähnliches, wenn es von „Verantwortung vor Gott“ spricht. Was Du wählst und wie Du wählst, geschieht vor einer höheren Instanz der Verantwortung. Was du wählst und was Du tust, kannst Du nur tun in der Verantwortung vor Deinem persönlichen, Deinem kommunalen und politischen Lebensraum, also in der „Verantwortung vor den Menschen“. Beide Verantwortungsbereiche hängen zusammen, beide sind untrennbar: die „Verantwortung vor Gott und den Menschen“.

Wenn Du heute in Peru zur Wahlurne geht, tust Du einen schweren Gang. Er wird leichter, vielleicht auch gewisser in all den Ungewissheiten, die mit Deiner Entscheidung verbunden sind, wenn Du mit Josua sagen kannst: „Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen.“ Denn wer „dem HERRN dient“, lebt ganz bewusst auch in der „Verantwortung vor Gott und den Menschen“.
Du hast die Wahl…

Vor fast 200 Jahren, am 21. Juli 1821, gewann Peru die Unabhängigkeit. Möge sie Peru erhalten bleiben.
 
Ich wünsche Euch/Ihnen einen guten Sonntag, eine gute Wahl und eine gesegnete und gesunde Woche, Euer/Ihr Hans-Jürgen Hoeppke

Psalmgebet:
Am heutigen Wahltag in Peru beten wir die Seligpreisungen:
Mt 5,3-10 – Evangelisches Gesangbuch: eg 767
3 Selig sind, die da geistlich arm sind; denn ihrer ist das Himmelreich.
4 Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden.
5 Selig sind die Sanftmütigen; denn sie werden das Erdreich besitzen.
6 Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit; denn sie sollen satt werden.
7 Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
8 Selig sind, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig sind, die Frieden stiften; denn sie werden Gottes Kinder heißen.
10 Selig sind, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihrer ist das Himmelreich.

Bibeltext für die Andacht: Josua 24,1-28
Josua 24,15:
15 Gefällt es euch aber nicht, dem HERRN zu dienen, so wählt euch heute, wem ihr dienen wollt: den Göttern, denen eure Väter gedient haben jenseits des Stroms, oder den Göttern der Amoriter, in deren Land ihr wohnt. Ich aber und mein Haus wollen dem HERRN dienen. – Josua 24,15


Hinweis:
Pastor Hoeppke ist bis zum 21. Juni in Urlaub.

Am 13. Juni wird Hanna Frischknecht die Videobotschaft übernehmen und am 20. Juni Wolf-Dieter Krefft. Beiden sei schon jetzt herzlich für ihren Dienst gedankt.

In der Zeit seines Urlaubs ist Pastor Hoeppke weder telefonisch noch per E-Mail erreichbar.
In dringenden Fällen wenden Sie sich bitte an das Gemeindebüro:
oficina@ev-kirche-peru.org