Zum 32. Sonntag im Jahreskreis 8.11.2020

Liebe Gemeinde, liebe Freunde!
 
Reflexion von Padre Peter Seibt von unserer kath.-Schwestergemeinde San Jos
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zum 32. Sonntag im Jahreskreis 8.11.2020

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Mitlieder der deutschsprachigen Gemeinden in Peru! 

Am Montag ist der 9. November. Für Deutschland ist dieser Tag in gewisser Weise ein Schicksalstag. Am 9. November 1918 wurde in Berlin die Republik ausgerufen. Dadurch wurde am 11. November der erste Weltkrieg beendet. Am 9. November 1938 veranstaltete die Nationalsozialisten die Reichs-kristallnacht, die Auftakt zu der beispiellosen Vernichtung von 6 Millionen Juden war. Am 9. November 1989 fiel die Berliner Mauer, die West- und Ostdeutschland 28 Jahre getrennt. Ein Jahr drauf konnte sich Deutschland, das nach dem Ende des zweiten Weltkriegs geteilt war, friedlich wiedervereinigen.
Ich erwähne den 9. November deswegen, weil die beiden deutschsprachigen christlichen Gemeinden, die evangelisch lutherische Kirche in Lima und die Pfarrei San Jose, an diesem Tag seit vielen Jahren mit der jüdischen Gemeinde von Miraflores einen gemeinsamen Gottesdienst gefeiert haben. Im Gedenken erinnerten wir uns gemeinsam an das unbeschreiblich Schreckliche, was Deutsche den Juden angetan haben. „Das Geheimnis der Erlösung ist Erinnerung“, sagt ein jüdisches Sprichwort aus dem Talmud. Nur wenn wir uns an das erinnern, was geschehen ist, bauen wir vor, dass es nicht noch einmal geschieht. Das bedeutet auch Erlösung.
Leider können wir diesen gemeinsamen Gottesdienst in diesem Jahr wegen der Pandemie nicht feiern. Doch erinnern wollte ich daran, weil ich beobachte, dass in der Pandemie sich wieder besonders stark Mechanismen zeigen, die in Deutschland damals zu der Katastrophe des Holocausts und des zweiten Weltkrieges führten. Damals wurde von einer Weltverschwörung durch das Judentum und den Kommunismus fabuliert, die nur ein Ziel hätten, die Weltherrschaft an sich zu reißen. Das war ein Grund, der in Deutschland die Nazis an die Macht brachte. Und das Ergebnis kennen wir alle. Am Schluss des zweiten Weltkrieges waren nicht nur 6 Millionen Juden getötet, sondern 60 Millionen Menschen mussten das Leben lassen.
Deswegen halte ich es für sehr bedenklich, wenn Christen sich heutzutage an solchen Spekulationen über Verschwörungen beteiligen. Denn wir müssen sehen, dass ab 1933 Christen und auch die Kirchen aus diffusen Ängsten vor Mächten, die ihre Freiheit bedrohen könnten, mit den Nazis paktiert haben. Und das obwohl, man schon damals absehen konnte, zu was das führen wird. Heute aber können wir uns nicht mehr ahnungslos stellen. Deswegen ist auch das gemeinsame Gebet von Juden und Christen am 9. November ein guter Schlüssel, um aus der Erinnerung Erlösung entstehen zu lassen.
Deswegen ist es wichtig, dass wir Christen auf Frieden und Versöhnung setzen, die alle Menschen mit einbezieht, und nicht auf Spaltung und Privilegierung bestimmter Gruppen setzt. Deswegen möchte ich enden mit einem Gebet, dass wir auch immer in der ökumenischen Liturgie der jüdischen, der evangelisch-lutherischen und katholischen Gemeinden beten. Vielleicht beten sie das im Laufe des 9. Novembers als Gebet um den Frieden in dieser Welt für alle Menschen:
 
Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens,
dass ich liebe, wo man hasst;
dass ich verzeihe, wo man beleidigt;
dass ich verbinde, wo Streit ist;
dass ich die Wahrheit sage, wo Irrtum ist;
dass ich den Glauben bringe, wo Zweifel droht;
dass ich Hoffnung wecke, wo Verzweiflung quält;
dass ich Licht entzünde, wo Finsternis regiert;
dass ich Freude bringe, wo der Kummer wohnt.
Herr, lass mich trachten, nicht,
dass ich getröstet werde, sondern dass ich tröste;
nicht, dass ich verstanden werde, sondern dass ich verstehe;
nicht, dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.
Denn wer sich hingibt, der empfängt;
wer sich selbst vergisst, der findet;
wer verzeiht, dem wird verziehen;
und wer stirbt, der erwacht zum ewigen Leben. Amen 
 
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine gute Woche
Herzliche Grüße

Peter Seibt, Pfarrer San Jose Miraflores.