Oster-Impuls 2 – Die „unwirkliche Wirklichkeit“

Auf die täglichen Impulse in der Karwoche folgen nun in den kommenden Wochen der nachösterlichen Zeit immer sonntags ermutigende Impulse/Andachten im Wechsel mit Cristo Rey.

Ihr/Euer Pastor Hans-Jürgen Hoeppke

Oster-Impuls 2: Die „unwirkliche Wirklichkeit“

Gibt es eine Wirklichkeit, die nicht wirklich erscheint und doch unleugbar da ist?
Gibt es so etwas wie eine „unwirkliche Wirklichkeit“?

Ich glaube ja. Im Moment erleben wir eine solche „unwirkliche Wirklichkeit“ weltweit und doch ganz hautnah. Was noch vor einigen Wochen völlig undenkbar erschien, ist jetzt Wirklichkeit. Trotzdem fühlt sich diese Wirklichkeit irgendwie unwirklich an.

Vielleicht ist es ein bisschen wie nach einer durchträumten Nacht.
Wir werden wach und recken und strecken uns. Dann reiben wir uns die Augen, blinzeln in den Tag und denken:
Kann es denn sein, ist es nicht einfach ein schlechter Traum?
Ist es heute noch da, so wie gestern ist?
Kann es sein, dass es immer noch Kontaktsperren gibt?
Wie konnte es überhaupt zu Ausgangssperren kommen? Wegen einer Krankheit?
Wegen eines winzigen Virus?
Ist das denn wirklich wahr, dass weltweit kaum mehr Flugzeuge fliegen und Grenzen geschlossen bleiben?
Huschen Menschen wirklich mit Mundschutz und peinlich auf Abstand bedacht durch die Lebensmittelgeschäfte?
Gibt es heute wieder lange Schlangen und stundenlanges Anstehen?
Ist es das echt wahr, dass in Arztbesuch per Video als „Telemedizin“ abläuft?  

Irgendwie erscheinen die letzten Wochen wie ein schlechter und unwirklicher Traum. Doch es ist wahr. Die „unwirkliche Wirklichkeit“ ist längst zur Alltag geworden. Sie ist da, sie ist wahr und alles andere als unwirklich.

Versuchen wir diesen Gedanken einmal auf eine andere „unwirkliche Wirklichkeit“ anzuwenden. Und das geht so:
Was geht in einem Menschen vor, der plötzlich vor einer Wirklichkeit erfährt, die unglaublich, nicht fassbar und irgendwie fern, ja fast außerirdisch erscheint. Und doch ist sie da. Da hilft auch kein Augenreiben wie nach dem Aufstehen.  

Von einem, der genau das erlebte, berichtet die Bibel. Von ihm und seinem Erlebnis vor fast 2000 Jahren in Jerusalem. Er erlebte weder Corona noch die Pest.
Seine Freunde hatten es ihm erzählt. Einige waren noch unsicher, andere völlig überzeugt. Vor allem die Frauen wirkten so überzeugt. Doch wer wollte das Wort von Frauen schon ernst nehmen? Damals waren Frauen in Israel nicht einmal vor Gericht als Zeugen zugelassen. So wollte es das Gesetz. Konnte er dann ihren Wort trauen?

Und dennoch, seine Freunde und die Frauen wirkten weder verrückt noch entrückt, wenn sie eher staunend erzählten, was ihnen passiert war.

Was war das? Sie hatten einen Toten gesehen und behaupteten nun, das er lebe.
Sie hatten seinen besten Freund gesehen und erzählten, dass er den Tod besiegt hatte. Das konnte er nicht glauben. Er hatte seinen Freund an einem römischen Kreuz elend verrecken sehen. Mit eigenen Augen.
Der sollte jetzt leben? Er konnte das nicht verstehen. Warum erzählten die Frauen so etwas? Hatten nicht Josef von Arimathäa und Nikodemus seinen Freund vom Kreuz genommen und ins Grab gelegt? Eigenhändig. (vgl. Evangelium des Johannes, Kapitel 19, Verse 38-42).  Und hatten ihnen nicht dieselben Frauen, die jetzt diese merkwürdige Geschichte erzählten, dabei geholfen? Und jetzt erzählten sie überall herum, dass sein Freund nicht mehr tot wäre. Jesus lebt! riefen sie.
In welcher Welt lebten die eigentlich? In was für einer „unwirklichen Wirklichkeit“. 

Doch dann kam jener Abend, der für ihn alles verändern würde. Wieder einmal war er allein zu seinen Freunden gegangen. Heimlich. Denn alle, die Jesus gekannt hatten, mussten sich verstecken, auch er. Alle hatten Angst, verhaftet zu werden einfach weil sie Jesus gekannt hatten.
Und so trafen sie sich in einem Hinterzimmer in der Altstadt von Jerusalem.
An jenem Abend war er auch dabei. Er hieß Thomas.

Und dies ist seine Geschichte mit Jesus:  

24 Thomas, einer der zwölf Jünger, der auch Zwilling genannt wurde, war nicht dabei. (als die Jünger, die Freunde von Jesus, Jesus zum ersten Mal gesehen hatten, nachdem er auferstanden war)
25 Deshalb erzählten die Jünger ihm später: »Wir haben den Herrn gesehen!« Doch Thomas zweifelte: »Das glaube ich nicht! Ich glaube es erst, wenn ich seine durchbohrten Hände gesehen habe. Mit meinen Fingern will ich sie fühlen, und meine Hand will ich in die Wunde an seiner Seite legen.«

26 Acht Tage später hatten sich die Jünger wieder versammelt. Diesmal war Thomas bei ihnen. Und obwohl sie die Türen wieder abgeschlossen hatten, stand Jesus auf einmal in ihrer Mitte und grüßte sie: »Friede sei mit euch!«
27 Dann wandte er sich an Thomas: »Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!«
28 Thomas antwortete: »Mein Herr und mein Gott!«
29 Da sagte Jesus: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Wie glücklich können sich erst die schätzen, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!«
(Evangelium des Johannes, Kapitel 20, Verse 24-29)

Unwirkliche Wirklichkeit!
Das, was die Frauen und die anderen Freunde von Jesus dem Thomas erzählt hatten, war geschehen. Doch für Thomas war es nur unwirklich. Er glaubte das nicht. Er hielt es für eine Wirklichkeit in den Köpfen, Gedanken, Gefühlen und Herzen seiner Freunde. Er verstand sie nicht mehr.

Hier passiert etwas ganz Wichtiges: Ein dreifaches Dranbleiben.
Thomas wendet sich nicht ab von seinen Freunden und seine Freunde halten weiter zu ihm. Er darf zu ihnen kommen und sie bleiben bei ihm. Trotz seines Unglaubens.
Beide bleiben dran. Dran am andern und dran am Glauben.

Ich finde das faszinierend. Da ist einer, der mit Jesus drei Jahre lang unterwegs war.
Er hatte von Jesus gehört, was bis dahin niemand auf der Welt hören durfte: unerhörte Worte und Predigten.
Er hatte von Jesus gesehen, was niemand bis dahin gesehen hatte: unerklärbare Taten und Wunder.
Er lebte drei Jahre zusammen mit Jesus in einer Wirklichkeit, die für die meisten Menschen, die nicht zum engen Freundeskreis von Jesus gehörten, völlig unwirklich und unglaublich war.  
Und dann kam die dunkle Wirklichkeit des Kreuzes und des Todes. Thomas konnte darin keine Erlösung sehen, nur das Ende. Und diese dunkle Todeswirklichkeit überschattete die Wirklichkeit der Auferstehung. Deshalb war sie für Thomas nur unwirklich. 

Ich glaube, dass es auch in der Kirche so ist. Ich glaube, dass in vielen Gemeinden mehr gezweifelt als geglaubt wird. Ich sehe auch meine eigenen Erschütterungen, meine unbeantworteten Fragen, meinen Unglauben.

Die erste „Gemeinde“ war eigentlich nichts weiter als ein Häuflein von verängstigten glaubenden und zweifelnden Freunden von Jesus. In den ersten Wochen nach der Kreuzigung mussten sie sich neu sortieren. Alles war anders. Nichts mehr würde so sein, wie vorher. Es war eine Gemeinde von zweifelnd Suchenden. Sie hielten sich nicht damit auf, den Glauben der anderen zu prüfen oder infrage zu stellen. Nein, sie suchten und fanden den Glauben gemeinsam wieder und ganz neu durch die Begegnungen mit Jesus.

Und das muss eine Gemeinde auch heute noch aushalten. Sie wäre nur scheinbar stark, wenn sie nicht mehr die Zweifelnden und Suchenden mittragen würde. Eine Gemeinde würde damals wie heute schlicht an ihrem Auftrag vorbeileben, wenn sie nicht Angebote für die Fragenden und Zweifelnden machen würde. Angebote, durch die Menschen hingeführt werden zum Glauben an den auferstandenen Herrn Jesus Christus. Das ist Begegnung mit der Wirklichkeit selbst.

Das „Thomas-Gen“ steckt in jedem Menschen. Schon lange vor der Begegnung von Thomas mit dem auferstandenen Jesus, berichtet das Markusevangelium von einer ähnlichen Situation:
Ein Vater hat einen kranken Sohn. Niemand kann etwas für den Jungen tun. Der Vater verzweifelt. Er hört von Jesus. Er bringt ihn zu Jesus. Jesus ist die einzige Rettung. Er weiß das. Trotzdem ist der Vater voller Zweifel. Kann Jesus irgendetwas an der Lage ändern kann? So wirft er sein ganzes zweifelndes Vertrauen Jesus vor die Füße und ruft:
»Ich glaube; hilf meinem Unglauben!« (Evangelium des Markus, Kapitel 9, Vers 24)
Der Vater bleibt dran. Dennoch.

Thomas geht hin zu seinen Freunden. Dennoch. Trotz seiner Zweifel. Er bleibt dran. Thomas setzt sich der Möglichkeit einer erneuten Jesuserfahrung bewusst aus. Und Jesus berührt ihn, reicht ihm seine Hand und sagt: »Gib mir deine Hand!« (Evangelium des Johannes, Kapitel 20, Vers 27b)

Mit anderen Worten: „Bleib dran an mir. Probiere mich aus. Komm her. Erfahre mich. Schau über Deine eigene Wirklichkeit hinaus.“
Thomas tut das. Ein neuer Weg des glaubenden Vertrauens liegt nun vor ihm. Thomas staunt und betet an: »Mein Herr und mein Gott!«
(Evangelium des Johannes, Kapitel 20, Vers 28)

Es ist faszinierend für mich, dieses dreifache Dranbleiben zu sehen. Thomas entfernt sich nicht von seinen Freunden; er bleibt in Verbindung.
Die Freunde von Jesus lassen Thomas nicht einfach ziehen. Sie bleiben dran an ihm und tragen, ja ertragen, auch seine Fragen und Zweifel.
Das Beste ist: Jesus bleibt in all dem ganz nah bei Thomas. ER hält seine Hand ausgestreckt.

Könnte es sein, dass die vielen Zweifelnden in unseren Gemeinden oft gar nicht sehen, dass Jesus ihnen immer wieder seine Hand entgegenstreckt?
Mit Zweifeln und Fragen kann man ja auch kokettieren. Man kann Fragen und Bedenken vorschieben und sich so vor einer Entscheidung für Jesus und ein Leben als Christ drücken.
Doch Jesus streckt seine Hand immer wieder entgegen. Er tut es im Gottesdienst, durch Menschen, durch Gespräche, Erfahrungen und Situationen und sagt:  
»Wie glücklich können sich erst die schätzen, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!« (Evangelium des Johannes, Kapitel 20, Vers 29)


Heute sind wir von der unheimlichen und unwirklichen Wirklichkeit einer weltweiten Krankheit umgeben. Wir nennen sie Corona. Wir können sie nicht sehen. Wir sehen die Auswirkungen: Kranke und Sterbende. Doch das Virus scheint unwirklich. Es liegt wie eine unmögliche Möglichkeit in der Luft. Aber es ist eine Wirklichkeit: die dunkle Wirklichkeit des Todes.

Doch dagegen steht eine andere, aber viel größere unwirkliche Wirklichkeit.
Sie ist herrlich und schön und reicht weit über diese Welt hinaus: Wir nennen sie Auferstehung und Leben in Gottes neuer Welt. Durch Jesus, den Auferstandenen, haben auch wir Zugang zu diesem Leben. Wir sehen die Auswirkungen: vom Zweifel gesundete und vom ewigen Tod gerettete Menschen.

Der auferstandene Jesus erscheint vielen Menschen als unmögliche Möglichkeit. Und doch ist er Wirklichkeit. Die strahlende Wirklichkeit des Lebens.

Im Psalm 126 wird die Wirklichkeit des Lebens, der Freiheit von Tod und Sterben beschrieben wie ein Traum, der schon Wirklichkeit ist:
Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. (Psalm 126, Vers 1)

Und Johannes sieht die Herrlichkeit einer ganz neuen Welt ohne Leid, Kreuz, Tod und Elend:
1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde. Denn der vorige Himmel und die vorige Erde waren vergangen, und auch das Meer war nicht mehr da. …
3 Eine gewaltige Stimme hörte ich vom Thron her rufen: »Hier wird Gott mitten unter den Menschen sein! Er wird bei ihnen wohnen, und sie werden sein Volk sein. Ja, von nun an wird Gott selbst in ihrer Mitte leben.
4 Er wird ihnen alle Tränen abwischen. Es wird keinen Tod mehr geben, kein Leid, keine Klage und keine Schmerzen; denn was einmal war, ist für immer vorbei.« (Offenbarung des Johannes, Kapitel 21, Verse 1 und 3-4)


Jetzt leben wir in Gottes wunderbarer Schöpfung und zugleich in einer eigenartigen Welt.
Da bringt ein kleines Virus das Weltgefüge und unsere festgefahrenen Lebensüberzeugungen aus dem Gleis. Da leiden und sterben in vielen Ländern Tausende und plötzlich entsteht aus all dem Elend ein neues Fragen nach Gott. Deutschland zumindest scheint „religiöser“ geworden. Aktuelle Umfragen haben ergeben, dass die Frage nach Gott Menschen heute mehr beschäftigt als noch vor wenigen Wochen.
Es sind Menschen mit Fragen und Zweifeln, Menschen wie Thomas.
Sind wir als Christen und Gemeinden auf sie vorbereitet?

Wir leben in einer Welt voller Wunder und Widersprüche. Wir können mittlerweile Organe im Drei-D-Drucker herstellen. Doch wir schaffen es nicht, in Zeiten von Corona eine Beerdigung mit mehr als 10 Menschen sicher zu organisieren.

Wie gut, dass in dieser wunderbaren und eigenartigen Welt das größte Wunder längst geschehen nicht. Nicht durch uns, sondern durch Gott selbst:
Er hat den Tod besiegt!
Er allein wirkt das Wunder des Glaubens an ihn in Dir und mir!
Das ist ganz und gar nicht unwirklich. Das ist die eine herrliche Wirklichkeit, die zählt!

Ich wünsche Euch/Ihnen eine gesegnete Woche,
Euer/Ihr Hans-Jürgen Hoeppke


ZUM BETEN

Herr, Du bist wirklich. So wirklich, wie mein eigenes Leben. Ich lege Dir meine Gedanken, meine Zweifel, meine Fragen hin. Ich weiß, dass ich in Dir Antworten finde. Ich danke Dir. Amen.

ZUM LESEN
(Evangelium des Johannes, Kapitel 20, Verse 19 und 24-29)

Der Auferstandene erscheint seinen Jüngern

19 Am Abend des ersten Tages der Woche (= d.h. der dritte Tag nach der Kreuzigung von Jesus) hatten sich alle Jünger versammelt. Aus Angst vor den führenden Juden ließen sie die Türen fest verschlossen. Plötzlich kam Jesus zu ihnen. Er trat in ihre Mitte und grüßte sie: »Friede sei mit euch!«

24 Thomas, einer der zwölf Jünger, der auch Zwilling genannt wurde, war nicht dabei.
25 Deshalb erzählten die Jünger ihm später: »Wir haben den Herrn gesehen!« Doch Thomas zweifelte: »Das glaube ich nicht! Ich glaube es erst, wenn ich seine durchbohrten Hände gesehen habe. Mit meinen Fingern will ich sie fühlen, und meine Hand will ich in die Wunde an seiner Seite legen.«

26 Acht Tage später hatten sich die Jünger wieder versammelt. Diesmal war Thomas bei ihnen. Und obwohl sie die Türen wieder abgeschlossen hatten, stand Jesus auf einmal in ihrer Mitte und grüßte sie: »Friede sei mit euch!«
27 Dann wandte er sich an Thomas: »Leg deinen Finger auf meine durchbohrten Hände und sieh sie dir an! Gib mir deine Hand und leg sie in die Wunde an meiner Seite! Zweifle nicht länger, sondern glaube!«
28 Thomas antwortete: »Mein Herr und mein Gott!«
29 Da sagte Jesus: »Du glaubst, weil du mich gesehen hast. Wie glücklich können sich erst die schätzen, die mich nicht sehen und trotzdem glauben!«

Ihr/Euer Pastor Hans-Jürgen Hoeppke