Kar-Impuls 6 – „Schweigen“

Wir stehen in der Karwoche. In der Christenheit wird sie auch die Heilige Woche genannt. In diesen Tagen möchte ich Sie/Dich mit kleinen Ermutigungen, Anregungen und Lesevorschlägen begleiten. Ich nenne sie „Kar-Impulse“. 

Ihr/Euer Pastor Hans-Jürgen Hoeppke


Kar-Impuls 6: „Schweigen“

Heute ist Ostersamstag. Nicht umsonst heißt dieser Samstag so. Dieser Tag lehnt sich gleichsam hinaus aus dem Fenster der Gegenwart hinein in die Zukunft und hält nach dem Morgenlicht von Ostern Ausschau.  

Während ich das so schreibe, denke ich: Das hört sich blumig und blöd an, irgendwie pastoral-sülzig und hohl. Zwar hat der Ostersamstag diese Zielrichtung, doch wäre es nicht besser, einfach zu schweigen?

Vielleicht. Schweigen mit den Schweigenden. Trauern mit den Trauernden. Nichts sagen mit den Sprachlosen. Denn genau das ist die Situation, in der heute viele sind. Corona hat die Welt mehr und mehr im Griff. Eher ein Tappen im Dunkeln als Licht am Ende des Tunnels. Wird der Kar-Impuls heute ein Impuls gegen die Hoffnung, ein düsteres Plädoyer für Aussichtslosigkeit und Endzeitstimmung? Hoffentlich nicht.

Ich glaube, dass die Bibel gerade heute aktueller denn je ist. Die Geschichte der Karwoche spricht jetzt deutlicher als vielleicht noch vor einem Jahr. Das Gefühl des Ostersamstag, des Tages nach der Kreuzigung von Jesus vor 2000 Jahren, die Gefühle der Freunde von Jesus an jenem Tag, sind vielen Menschen in diesem Jahr ganz nah.

Warum?
Weil es ein Tag des Schweigens ist. Ein Tag des Nichtverstehens und der Hoffnungslosigkeit. Das Leben war damals wie heute eben kein Zimmer mit Aussicht. Und SEIN Leben war vorbei. Jesus war tot. Die Freunde und Freundinnen von Jesus wußten am Tag nach der Kreuzigung noch nichts von Ostern. Sie wußten nicht einmal, wie das Leben überhaupt weitergehen sollte.
Und so ist Ostersamstag denn auch eine spätere Bezeichnung. Für die Freunde von Jesus aber war es ein Tag ohne Licht, ohne Aussicht. Alle Versprechungen, alle Prophezeiungen, alle Heilungen, alle berührenden und verändernden Predigten von Jesus waren mit einem Schlag Geschichte, nur noch blasse Schatten der Erinnerung.

Noch vor Anbruch des Sabbat nahmen sie am Freitagnachmittag hastig den toten Leib von Jesus vom Kreuz. Wohin damit? Kein Grab war vorbereitet. Alles musste improvisiert werden. Josef von Arimathäa, ein Bewunderer von Jesus, bietet sein eigenes Gartengrab an. Eine Bauchentscheidung. Schnelle Hilfe. Denn sonst wäre Jesus irgendwo verscharrt worden. Nur knappe drei Stunden blieben ihnen von drei Uhr nachmittags bis sechs Uhr abends. Um sechs Uhr abends würde der Sabbat beginnen. Eine Beisetzung wäre dann kultisch nicht mehr möglich. Der Sabbat war heilig. Nichts durfte an ihm getan werden.

In New York werden für alleinstehende, obdachlose und zahlungsunfähige Verstorbene mittlerweile Massengräber weit vor den Toren der Stadt ausgehoben.
In Italien gehen in einigen Gegenden die Särge aus.
Vor unzähligen Krankenhäusern stehen Angehörige und dürfen ihre Lieben in deren Sterben nicht begleiten. Beerdigungen finden nur noch im allerengsten Familienkreis statt. Weitere Verwandte und Freunde sind nicht dabei; sie müssen in Gedanken Abschied nehmen.
Ja, der Freitagnachmittag von Golgatha ist uns nahe. Das Schweigen des Ostersamstag ist lauter als je zuvor.

Wie wurde Jesus begraben?

38 Nachdem das alles geschehen war, ging Josef aus Arimathäa zu Pilatus und bat ihn um die Erlaubnis, den Leichnam vom Kreuz abnehmen zu dürfen. Insgeheim war er ein Jünger von Jesus, doch aus Angst vor den Juden hatte er das bisher verschwiegen. Pilatus erlaubte es ihm, und so ging er zum Kreuz und nahm den Leichnam von Jesus ab.
39 Auch Nikodemus, der Jesus einmal nachts aufgesucht hatte, kam und brachte etwa 30 Kilogramm einer Mischung aus Myrrhe und Aloe.
40 Mit diesen wohlriechenden Salbölen wickelten sie den Leichnam von Jesus in Leinentücher ein. So war es beim Begräbnis von Juden üblich.
41 In der Nähe der Hinrichtungsstätte lag ein Garten. Dort gab es eine Grabkammer, die erst kürzlich aus dem Felsen gehauen und noch nicht benutzt worden war.
42 In dieses nahe gelegene Grab legten sie Jesus, denn sie hatten es eilig, weil bald der Sabbat begann. 
(Johannesevangelium, Kapitel 19, Verse 38-42)

Selbst in der Form der Beerdigung ist Jesus den Menschen von heute nahe.
Alles musste schnell gehen. Schnell hinein ins Grab, schnell weg vom Grab und hinein in die Trauer, hinein in die eigenen Gedanken, die Tränen und das Schweigen.
Schnell weg vom Krankenhauseingang, vom Friedhof, schnell nach Hause in das Schweigen von Kontaktverbot und Ausgangssperre.

Schweigen auszuhalten ist nicht einfach. Die meisten Menschen können es nicht. Und doch liegt in der Dunkelheit des Schweigens eine große Verheißung. Im Schweigen hören wir anders. Wir hören lebensspendende Worte, die uns neu füllen können mit Trost und mit neuer Zuversicht. Worte, die die Hoffnungslosigkeit in Aussicht und Zukunft verwandeln. Worte des Lebens.

Eine Welt ohne Gott ist eine Welt des Grabes, eine Welt der Dunkelheit, eine Welt des andauernden Schweigens. Es wäre eine Welt des immerwährenden Karsamstag, völlig ohne einen Lichtstrahl von Ostern her; eben kein Ostersamstag.

Doch eine Welt, in die das Licht von Ostern schon hineinstrahlt, wird nach dem Schweigen neu reden und handeln. Menschen werden aus tiefen Erfahrungen heraus neu reden und handeln.
Eine Welt, in die das Licht von Ostern schon hineinstrahlt, wird eine Welt sein, in der wir wieder kraftvoll anpacken können, eine Welt nach Corona.
Eine Welt, in die das Licht von Ostern schon hineinstrahlt, wird eine Welt sein, in der wir nicht mehr schweigen, nur weil wir mit unserem eigenen Wohlergehen zu beschäftigt sind.
Eine Welt, in die das Licht von Ostern schon hineinstrahlt, wird eine Welt sein, in der wir reden und handeln gegen die Wegwerfhaltung Menschen und dem Planeten gegenüber.
Eine Welt, in die das Licht von Ostern schon hineinstrahlt, wird eine Welt sein, in der wir es nicht mehr aushalten können, anderen Menschen, die im Müll leben, nicht zu helfen.
Eine Welt, in die das Licht von Ostern schon hineinstrahlt, wird eine Welt sein, in der wir gegen Egoismus und verantwortungsloses Profitstreben Dämme bauen werden.
Eine Welt, in die das Licht von Ostern schon hineinstrahlt, wird eine Welt sein, in der wir heiß lieben werden, anstatt die Liebe erkalten zu lassen. (vgl. Matthäusevangelium, Kapitel 23, Vers 12)

All das kommt nach dem Schweigen. All das erkennen wir im Schweigen, wenn wir unter dem Kreuz von Jesus stehen und in seinem Leid das Leid der Welt und unser eigenes Leid aufgehoben wissen.
Unter dem Kreuz Jesu erkennen wir schweigend, wer wir sind, uns selbst, unsere Schuld. Und am Kreuz Jesu ist der Platz, an dem wir alles ablegen können, um neu anzufangen.

So können wir ganz genügsam sein im Schweigen, wir können uns trauen, in das Schweigen hineinzugehen, wir dürfen alles abgeben und uns auf diese Weise vorbereiten auf den Tag des Lichtes, auf Ostern selbst. Warum? Weil Jesus den Unterschied macht.

Ich lade Euch ein, zusammen oder allein ein Lied mit mir zu singen:
Vor deinem Kreuz (der link steht unten).

Ich wünsche Euch einen schweigsamen Ostersamstag,
Euer/Ihr Hans-Jürgen Hoeppke


Hier der link zum Lied-Video: Vor deinem Kreuz
https://www.youtube.com/watch?v=pMiesVV-kF0
TEXT dazu zum Mitsingen unten:
Text: Johannes Jourdan

Vor deinem Kreuz

1. Vor deinem Kreuz, Herr, will ich stille werden.
Vor deinem Kreuz, Herr, beuge ich mich tief.
Ich höre deine Stimme, die verstummte
und doch am Kreuz schon nach mir rief.

3. Vor deinem Kreuz, Herr, wird das Elend kleiner.
Vor deinem Kreuz werd ich mir selber klein.
Was in der Welt so groß ist, zählt hier nicht mehr,
denn deine Liebe zählt allein.

4. Vor deinem Kreuz fang ich an zu verstehen,
was der Verstand niemals verstehen kann.
Die alten Regeln sind am Kreuz zerbrochen.
Mit dir, Herr, fängt das Neue an.

5. Vor deinem Kreuz will ich die Knie beugen
und spüren, wie die Stille mich berührt.
Dein Kreuz, Herr, ist das Tor zum wahren Frieden,
das aus dem Streit nach Hause führt. Amen.



ZUM NACHDENKEN
• Halte ich Schweigen aus?
– Kleiner Test: Versuche einmal, ganz allein den Bibeltext unten zu lesen, Dich ganz allein zehn Minuten hinzusetzen und zu darüber schweigend nachzudenken.
Wie ist diese Erfahrung?  


ZUM BETEN
Herr, ich komme zu Dir und schweige. Nicht ich spreche und rede. Du sprichst zu mir. Lehre mich, Dich und andere mit neuen Augen zu sehen. Hilf mir, mein großes Maul zu halten und mehr hinzuhören und zuzuhören als zu reden. Ich danke dir. Amen.


ZUM LESEN
(Johannesevangelium, Kapitel 19, Verse 38-42)

Jesus wird begraben

38 Nachdem das alles geschehen war (= die Kreuzigung von Jesus), ging Josef aus Arimathäa zu Pilatus und bat ihn um die Erlaubnis, den Leichnam vom Kreuz abnehmen zu dürfen. Insgeheim war er ein Jünger von Jesus, doch aus Angst vor den Juden hatte er das bisher verschwiegen. Pilatus erlaubte es ihm, und so ging er zum Kreuz und nahm den Leichnam von Jesus ab.
39 Auch Nikodemus, der Jesus einmal nachts aufgesucht hatte, kam und brachte etwa 30 Kilogramm einer Mischung aus Myrrhe und Aloe.
40 Mit diesen wohlriechenden Salbölen wickelten sie den Leichnam von Jesus in Leinentücher ein. So war es beim Begräbnis von Juden üblich.
41 In der Nähe der Hinrichtungsstätte lag ein Garten. Dort gab es eine Grabkammer, die erst kürzlich aus dem Felsen gehauen und noch nicht benutzt worden war.
42 In dieses nahe gelegene Grab legten sie Jesus, denn sie hatten es eilig, weil bald der Sabbat begann.


Ihr/Euer Pastor Hans-Jürgen Hoeppke

P.S.: Die Tulpe von gestern (siehe Kar-Impuls 5-Der Unterschied) hat sich nachmittags gegen drei Uhr (Sterbestunde Jesu) ganz weit geöffnet. Ich denke, ein schönes Zeichen.