Kar-Impuls 2 – „Hinein gehen“

Kar-Impuls 2 – „Hinein gehen“

Wir stehen in der Karwoche. In der Christenheit wird sie auch die Heilige Woche genannt. In diesen Tagen möchte ich Sie/Dich mit kleinen Ermutigungen, Anregungen und Lesevorschlägen begleiten. Ich nenne sie „Kar-Impulse“. 
 
Ihr/Euer Pastor Hans-Jürgen Hoeppke
 
 
Kar-Impuls 2: „Hinein gehen“

Ich erinnere mich noch gut, als meine Mutter und ich meine kleine Schwester das erste Mal zum Kindergarten brachten. Als wir vor dem Eingang des Kindergartens ankamen, weigerte sie sich zuerst, hinein zu gehen. Dann rief sie laut empört „Nein!“, „Nein!“, „Nein!“, stemmte ihre Beinchen gegen uns, wollte keinen Schritt gehen und schrie wie am Spieß. So ein Theater kurz vor dem Ziel.
Was war der tiefste Grund ihres Protestes? Ganz einfach: sie hatte pure Angst vor dem Unbekannten und sie wollte da nicht allein hinein gehen.
 
Irgendwo neu anzukommen, in eine neue Situation hinein zu gehen, kann ganz schön schwierig sein. Da ist das Gefühl der Frustration und der Einsamkeit oft ganz nah.
 
Am Palmsonntag zieht Jesus in Jerusalem ein:
»Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!« (Matthäusevangelium, Kapitel 21, Vers 9)
Während Jesus allein Jesus auf einem Esel sitzt, laufen die Massen ihm entgegen und rufen „Hosianna!“ Eine Begrüßung wie für einen König.
 
Die Menschen jubeln Jesus zu, doch er allein jubelt nicht. Er schweigt. Jesus weiß, dass die letzten Tage seines irdischen Lebens angebrochen sind. Er weiß, dass er im Grunde in alle Situationen, die vor ihm liegen werden, allein hineingehen wird.
Allein wird er seinen Freunden ein letztes Mal erklären müssen, wer er ist. Sie werden es nicht wirklich verstehen. (vgl. Johannesevangelium, Kapitel 14-17)
Allein wird er zusammen mit dem Verräter das Brot eintauchen. (vgl. Johannesevangelium, Kapitel 13, Vers 26)
Allein er wird im Garten Gethsemane beten; seine Freunde werden schlafen. (vgl. Markusevangelium, Kapitel 14, Verse 35-38)
Allein wird er verspottet werden, allein verurteilt und einsam und allein mit der Last der Welt auf den Schultern am Kreuz hängen. ((vgl. Johannesevangelium, Kapitel 19)
Will er da wirklich hinein gehen, hinein in solche Situationen, hinein in diese Stadt Jerusalem? Hineingehen in Unverständnis, Unrecht, Leid und Qual und Tod?
 
Ich glaube, dass Jesus ganz bewusst allein in alle jene Situationen in der Karwoche in Jerusalem ging, die uns die Evangelien beschreiben.
Er ging allein, auch wenn Jesus bis hin unter das Kreuz umgeben war von Menschen, von all den Neugierigen, den Sensationshungrigen, den Zuschauern, den Erschütterten, den Erzürnten, den Ungerechten und Spöttern, aber auch von den ihn liebenden und vermissenden Menschen.
 
Jesus musste allein gehen. Ja mehr, Jesus wollte allein gehen. Er wollte tragen, fühlen, lieben wie nie zuvor. Er wollte den Menschen nahe sein, ganz nah bei uns. Er wollte es wissen, schmecken, durchleben und durchleiden, was wir Menschen in solchen Situationen erleben und durchleiden.
Und doch kommt ER als König, hatten sie doch bei seinem Einzug gesungen: »Siehe, dein König kommt zu dir.« (Matthäusevangelium, Kapitel 21, Vers 5)
Jesus bleibt als König souverän. Deshalb kann der König, DEIN König, auch all seine Würde in den Staub legen. Und gerade darin wird er der verheißene „Immanuel“ sein, so wie der Prophet Jesaja den verheißenen Messias beschrieben hatte. Immanuel heißt übersetzt: Gott mit uns.*
 Jesus will mit uns allen in Allem sein, was wir sind und in Allem, was uns begegnet. Genau da hinein geht er. Damals wie heute.
 
In dieser Karwoche zieht Jesus wieder ein.
Nicht nur in Jerusalem, sondern in die Städte und Dörfer dieser Welt, die „geschlossen“ sind. Jesus zieht in die Orte und auf die Plätze, in die Kirchen, die öde, verlassen und allein daliegen durch Kontakt- und Ausgangssperren. Jesus geht allein genau da hinein.
 
Auch wenn wir in einer kirchenhistorisch einmaligen Karwoche leben, einer Woche des Alleinseins, sind wir nicht allein. Jesus ist mit uns, mitten unter uns: ER geht hinein in unser Alleinsein, unsere Quarantänen, unsere Krankenhäuser, auf die Intensivstationen und in die Altenheime, an unsere Arbeitsplätze, in unsere Fragen und unsere Trauer, in unsere Abschiede und unsere Hoffnungen.
ER ist da. Er ist Immanuel. Du bist nicht allein. DEIN König kommt!
 
Ich wünsche Euch/Ihnen eine gesegnete Karwoche,
Euer/Ihr Hans-Jürgen Hoeppke
 
 
ZUM NACHDENKEN
• Wo traue ich mich nicht hinein? Ist das gut oder nicht gut für mich?

• Wer ist Jesus für mich?
 
ZUM BETEN
Herr Jesus Christus, Du bist nach Jerusalem gekommen und alles wurde anders.
Bitte komme heute mit Deinem Trost und Deiner Nähe zu denen, die krank, allein und einsam sind. Ich bitte Dich: Komme auch in mein Leben und alles wird neu werden. Ich danke Dir. Amen.
 
ZUM LESEN
Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1, Verse 22-23
Die Verheißung des Immanuel
 
22 Das ist aber alles geschehen, auf dass erfüllt würde, was der Herr durch den Propheten gesagt hat, der da spricht (Jesaja 7,14):
23 »Siehe, eine Jungfrau wird schwanger sein und einen Sohn gebären, und sie werden ihm den Namen Immanuel geben«, das heißt übersetzt: Gott mit uns.«
 
 
Evangelium nach Matthäus, Kapitel 21, Verse 1-10
Jesu Einzug in Jerusalem 
 
1 Als sie nun in die Nähe von Jerusalem kamen, nach Betfage an den Ölberg, sandte Jesus zwei Jünger voraus
2 und sprach zu ihnen: Geht hin in das Dorf, das vor euch liegt. Und sogleich werdet ihr eine Eselin angebunden finden und ein Füllen bei ihr; bindet sie los und führt sie zu mir!
3 Und wenn euch jemand etwas sagen wird, so sprecht: Der Herr bedarf ihrer. Sogleich wird er sie euch überlassen.
4 Das geschah aber, auf dass erfüllt würde, was gesagt ist durch den Propheten, der da spricht (Sacharja 9,9):
5 »Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein König kommt zu dir sanftmütig und reitet auf einem Esel und auf einem Füllen, dem Jungen eines Lasttiers.«
6 Die Jünger gingen hin und taten, wie ihnen Jesus befohlen hatte,
7 und brachten die Eselin und das Füllen und legten ihre Kleider darauf, und er setzte sich darauf.
8 Aber eine sehr große Menge breitete ihre Kleider auf den Weg; andere hieben Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg.
9 Das Volk aber, das ihm voranging und nachfolgte, schrie und sprach: Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der Höhe!
10 Und als er in Jerusalem einzog, erregte sich die ganze Stadt und sprach: Wer ist der?
 
Ihr/Euer Pastor Hans-Jürgen Hoeppke